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in german: „Einfach ganz normal sein“ – der Alltag eines Inklusionsschülers

geschrieben für www.respect.de

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Besonders im Schulalltag ist Inklusion mittlerweile ein präsentes Thema. Doch wie funktioniert eigentlich der Unterricht in einer sogenannten „inklusiven Klasse“ und wie nehmen Inklusionsschüler selbst ihren Schulalltag wahr? Um das herauszufinden haben wir Önder Can Sürer, einen Schüler der 5. Klasse mit Förderschwerpunkt „geistige Behinderung“, einen Tag lang begleitet.

Önder ist aufgeregt. Wenn der Unterricht beginnt, hat der Elfjährige eine wichtige Aufgabe. Önder geht durch die Klasse und überprüft, ob alle Schüler ihre Materialen für den Unterricht auf den Tisch gelegt haben. „Auf zum Kontrollgang“, ermuntert Felix van Beers, Önders persönlicher Betreuer, den Jungen mit Wuschelhaar und blau-weiß-gestreiften Pulli. Önder macht sich gleich auf den Weg. Begleitet wird er von seiner Lehrerin Jutta Großmann. „Alles gut“, ruft Önder nach dem er jeden einzelnen Platz kontrolliert hat. Der Unterricht kann beginnen.

Önder hat den Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“. Bei der Geburt hatte er eine Gehirnblutung, darum fällt es ihm heute schwer logische Zusammenhänge zu erkennen. Auch das Sprechen bereitet Önder Schwierigkeiten. „Manchmal sagt er plötzlich einen ganzen Satz, aber meistens nur einzelne Wörter“, erzählt Felix. Im Unterricht bekommt Önder darum oft eigene Aufgaben. Jutta Großmann unterrichtet Mathe in der Klasse 5.1.2 der Gesamtschule Holweide. „Für Önder konzipieren wir oft eigene Aufgaben, die auf sein Leistungsniveau abgestimmt sind“, berichtet die Lehrerin.

Im Mathe-Unterricht geht es heute im Plus und Minus. Die Stunde beginnt mit einer Aufwärmübung. Jutta Großmann stellt eine Rechenaufgabe, wer das Ergebnis kennt darf sich hinsetzen. Önder meldet sich bei jeder Aufgabe. Er nutzt jede Gelegenheit, um am Klassengeschehen teilzunehmen und die Lehrer versuchen, ihn einzubeziehen.

„Was ist das Ergebnis von 79-20?“ fragt die Lehrerin. Wieder schießt Önders Hand als erste nach oben. Als Önder an der Reihe ist, stottert er „2,1?“ und wuschelt sich verlegen mit der Hand durchs Haar. Die Klasse beginnt zu lachen. Die Lehrerin bittet um Ruhe und erklärt den anderen Schülern, dass Önder eine so schwere Aufgabe noch nicht Rechnen kann. Jutta Großmann stellt Önder eine Aufgabe, die seinem Förderschwerpunkt gerecht wird. „Önder, wie viel ist 2+2?“ Önder streckt die Hand vor sein Gesicht und zählt mit seinen Fingern ab. „4“, ruft er glücklich und die ganze Klasse klatscht. „Wir müssen den Schülern immer wieder klar machen, dass Önder einen anderen Leistungsstand hat.“, berichtet Großmann. Ob der sympathische Junge mit Dauerlächeln jemals mit zweistelligen Zahlen rechnen kann, weiß niemand. Dafür ist Önder vollständig in die Klasse integriert und kann sich als normaler Schüler fühlen.

Während des Unterrichts sitzen die Schüler in Tischgruppen zusammen. Jeder durfte sich selbst aussuchen, mit wem er gemeinsam arbeiten möchte. „Önder war eine beliebte Wahl“, erzählt Jutta Großmann. Beim gemeinsamen Arbeiten steht nicht der Stoff im Vordergrund, sondern der Kontakt zu seinen Mitschülern. „Wir sind seine besten Freunde“, erzählt Loreen. „In den Pausen kümmern wir uns um Önder, er ist witzig und immer gut drauf.“ Alle drei Tischgruppennachbarn von Önder haben schon eine inklusive Grundschule besucht. Sie kennen das Konzept und seine Vorteile. „Außerdem können wir viel von ihm lernen“, erzählt Noel, Önders Tischnachbar. „Wir verstehen jetzt, wie es sich anfühlt, wenn man anders ist.“

Für Önder zählen die kleinen Erfolge. Zum Beispiel in Englisch. „Önder, was heißt Radiergummi auf Englisch?“, fragt Betreuer Felix und drückt dem Jungen einen Radiergummi in die Hand. Nach kurzem Überlegen antwortet Önder: „Rubber.“ Beide freuen sich über seinen Erfolg. Sie haben mittlerweile eine enge Beziehung zueinander aufgebaut. Felix kümmert sich jeden Tag in der Woche ausschließlich um den Jungen. Dabei ist er kein ausgebildeter Sonderpädagoge. Er macht ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Gesamtschule Holweide. „Manchmal finde ich es schade, dass ich nicht genau verstehe, was Önder fehlt“, erklärt Felix. Das Wichtigste bei der Betreuung sei aber, dass er Spaß an der Sache habe. Und Geduld.

„Önder macht Fortschritte“ beobachtet Felix, „aber er ist noch nicht selbstständig genug.“ Der FSJler hofft, dass sich Önder noch schneller entwickeln wird, wenn er keinen Privatbetreuer mehr hat. Ob Önder versteht, dass sich vieles ändern wird, wenn Felix nicht mehr da ist, weiß der 19-jährige nicht genau. „Ich versuche es ihm Schritt für Schritt klar zu machen.“

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