Ein kleines Digital-Experiment oder wie ich mich vom Digital-Zwang löse

Anscheinend gehöre ich zu den Digital Natives. Anscheinend gehöre ich sogar zu den Menschen, die sich ein bisschen mehr in den Weiten der digitalen Welt auskennen und den digitalen Wandel mit Begeisterung begleiten. Anscheinend reicht schon einen Facebook-, Twitter-, Instagram-, Xing- und LinkedIn-Account zu haben um die eigene Affinität zu unterstreichen. Eine Affinität, die ich auch habe, unbestritten.

Das Internet ist für mich eine Möglichkeit der Vernetzung, ganz banal mögen einige denken, und ein Raum der Freiheit. Mit Freiheit meine ich hier, die Freiheit mich zu informieren, zu bilden, selbst Dinge zu erschaffen und diese mit anderen Menschen zu teilen. Nun fühle ich mich aber schon eine ganze Weile nicht mehr so richtig frei. Gut. Auf der einen Seite nervt mich die manipulierende Werbung, der Missbrauch meiner Daten und einige ziemlich bedenkliche politische Entscheidungen.

Aber dann ist da noch dieser Mythos des scheinbar immer Erreichbar-Seiens und aller damit einhergehenden sozialen Konsequenzen. Da ich gern mit Menschen interagiere, aber bitte gehaltvoll und am besten Face-to-Face oder zumindest halb-verbal über das Telefon habe ich einfach mal meine Messenger gelöscht. Und da ich gerade einmal dabei war, habe ich auch meinen Vodafone-Vertrag, der mir eh viel zu teuer war, gekündigt. Ich halte flächendeckendes WLAN sowieso für eine viel demokratischere und sinnvollere Lösung, warum also Daten über mein Handynetz bezahlen? Also starte ich ein Experiment mit dem Namen „Selbstbestimmtes Online-Leben“.

Challenge Nr. 1  - den Mobilfunk-Vertrag loswerden

Ich habe also eine Kündigung versendet. Um sicher zu gehen ganz klassisch per Post. Es dauerte keine 2 Tage und das Vodafone-Kundenzentrum hat mich gefühlt jede Stunde einmal angerufen. Ich hatte natürlich deren Nummer nicht eingespeichert, ein fataler Fehler! Der erste Anruf kam an einem Samstag. Dazu muss ich betonen, meine Wochenenden sind mir wichtig. Nun kam also besagter Anruf einer unbekannten Nummer und eine Frauenstimme begann wild auf mich los zu reden. Warum ich meinen Vertrag gekündigt hätte? Zu teuer war meine erste Antwort. Nicht gut. Es folgten Minuten mit neuen Vertragsmöglichkeiten, die alle viel lukrativer und sowieso viel besser für mich wären. Irgendwann hörte die Frauenstimme auf viel zu schnell zu sprechen bzw. überhaupt zu sprechen und ich nutze die Pause um zu erklären, dass ich kein Daten mehr über mein Mobilfunk-Netz nutzen möchte und sowieso mir eine Prepaid-Karte mit SMS und Allnet-Flat wirklich reicht. Pause. Pause. Pause. Damit hatte sie nicht gerechnet. Was der Grund wäre, fragt mich die Frauenstimme mit ruhigen Ton. Ich will nicht mehr Tag und Nacht erreichbar sein und überhaupt reiche es mir das WLAN zu Hause und an der Uni zu nutzen. Die Stille währt nicht lang. Nun setzte die Frauenstimme zum Gegenschlag ein. Aus meinem Nutzerverhalten könne man eindeutig schließen, dass ich sehr wohl Daten auf dem Handy benötige und überhaupt, ich solle mir das gut überlegen, es wäre sehr viele günstige Angebote und vielleicht brauche ich ja doch irgendwann mal das Internet, zum Beispiel wenn ich nach dem Weg suche. Wo hat sie nur so Argumentieren gelernt? Jetzt reicht es mir. Ich sage ihr, sie solle mich nie wieder an einem Samstag anrufen, ich habe nämlich gar keine Lust mir an meinem freien Tag sowas anzuhören. Außerdem wisse ich wohl selbst gut genug, was gut für mich ist und was nicht. Immer noch heiter und freundlich wünscht mir die Frauenstimme ein schönes Wochenende, aber nicht ohne mir zu versichern, dass ich mich jederzeit melden kann. Das hat sie sicherlich auch in einem Seminar gelernt, immer freundlich bleiben. Am Montag bekam ich dann eine Kündigungsbestätigung von Vodafone, per SMS und per Mail – zur Sicherheit. Trotzdem haben sie mich noch einige Male angerufen, etwa im Abstand von 2 Tagen. Aber jetzt kenne ich deren Nummer!  Pah! Mein Vertrag läuft erst im Juni 2016 aus, ich bin gespannt, wie oft sie noch versuchen werden mich umzustimmen.

Challenge Nr. 2 – Der soziale Ausschluss

Ich muss jetzt wohl einschränken, dass ich erst einmal nur WhatsApp und Telegram gelöscht habe. Und die Facebook-App von meinem Handy. Das reicht als erste Entzugsmaßnahme. Am Tag der Löschung habe ich meinen zentralen sozialen Kontakten den Wechsel zu Signal empfohlen. Dann war ich weg. Ich weiß, eigentlich sollte das keine große Sache sein, war es aber. Für mich. Ich bin nun schon einige Jahre Smartphone-Besitzerin und habe mich an den ständigen Kontakt zu anderen Smart-Phone-Nutzern gewöhnt. Oder vielleicht vielmehr an den Kontakt zu meinem Smartphone. Ich schätze, ich bekommen jetzt etwa die Hälfte weniger Notifications/Tag. Plötzlich ist es so ruhig.

Ich war Mitglied in einigen WhatsApp-Gruppen und hatte sehr viele Bedenken nun irgendwie weniger mitzubekommen. Und ausgeschlossen zu werden. Eine Freundin berichtete mir davon, in ihrer Ausbildungsklasse den Anschluss verloren zu haben, als sie ihr Handy verlor und erstmal kein WhatsApp mehr hatte. Plötzlich wurde sie nicht mehr zu Klausur-Lernrunden eingeladen. Wichtige Dokumente wurden ihr nicht mehr zugesendet. Das waren auch alles erwachsene Menschen. Wir haben uns also so sehr daran gewöhnt über bestimmte Kanäle zu kommunizieren, dass wir vergessen mit wem wir eigentlich kommunizieren? Anscheinend kommt es also zu sozialen Ausschluss, wenn wir uns aktiv entscheiden nicht an den dominierenden neuen Kommunikationsformen teilzunehmen, was bedeutet bestimmte Apps zu verwenden. Ist das schon ein kultureller Wandel? Irgendwas in mir sträubt sich geben den Gedanken WhatsApp sei ein Teil unserer Kultur. Macht uns das nicht unfrei? Sicher-ich kann mir meine sozialen Kontakte einfach nach deren digitalen Kommunikationsverhalten aussuchen. Aber warum sollte das eine Kategorie sein, nach der ich Menschen be-(ver)urteile?

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